Der Zauber von Aerö-Rund – oder: Warum mache ich das eigentlich?

 

Ich weiß noch genau, wie mein Vater und mein Bruder schon mit der Eule Aerö-Rund gesegelt sind und ich mit meiner Mutter nur den Start vom Bülker Leuchtturm aus ansehen durfte. Mitsegeln durfte ich noch nicht, denn auch Aerö-Rund war offensichtlich eins der vielen Dinge, für das ich noch zu jung war. Ich weiß leider nicht mehr, wann es war, aber irgendwann durfte ich dann auch mit. Und seitdem gilt: „Das Wochenende vor der Kieler Woche? Kann ich vermutlich nicht, da ist wahrscheinlich Aerö-Rund.“

Nur: Warum eigentlich?

Da versucht man schon die Woche vor Aerö-Rund möglichst viel zu schlafen („Heute Abend noch weg?“ „Och nö, muss vorschlafen, am Wochenende ist doch Aerö-Rund…“ „Warum warste denn gestern früh nicht in der Vorlesung?“ „Och, musste doch vorschlafen…“). Ich hab gehört, so manch einer nimmt sich sogar freitags Urlaub, um dann vorzuschlafen. Dann, am Freitag werden alle Sachen zusammengepackt,  Überflüssiges noch schnell von Bord, Tee und Kaffee in Thermoskannen abgefüllt, Brötchen geschmiert und los geht’s an Bord! Normalerweise würde man sich jetzt nen ruhigen Abend in Schilksee machen, an Bord schlafen und dann morgen früh vielleicht nach Maasholm, oder eben auch Marstal. Meinetwegen. Aber Aerö-Rund ist ja nun mal nicht NORMALERWEISE.

Also verbringt man den hereinbrechenden Abend mit Steuermannsbesprechung, Crewbesprechung, Schotenauslegen, Segel-Auspacken und -Auslegen, Umziehen und das dreifache an Kleidung bereitlegen, Wetter- und Wind beobachten und: Ablegen. Und noch viel erstaunlicher dabei ist: Das machen total viele im Hafen!

Dann geht’s endlich los mit einem wundervollen Start in den Sonnenuntergang. 90 Schiffe starten mit einem Ziel in einen meist wunderbar gefärbten Abendhimmel. Eine Attraktion, die durchaus 3-10 Schaulustige nach Bülk zieht, die sich dann allerdings sehr schnell nach Hause zu weiterer Abendunterhaltung in Form eines spannenden Krimis oder  Spielfilms mit einem guten Rotwein aufmachen. Doch für die Aerö-Rund-Segler wird es Nacht, es wird kalt, der Kampf mit der Dunkelheit, Müdigkeit und vor allem mit sich selbst beginnt. Die Nacht wird länger, es wird kälter und irgendwann kommt dieser Punkt – Umfragen an Bord haben ergeben, dass dieser Punkt bei jedem Crewmitglied zu unterschiedlicher Zeit kommt, bei manchen vor Sicht des Leuchtturms Skjoldnäs, bei manchen mit Leuchtturm querab und bei manchen, vermutlich den meisten, zwischen Skjoldnäs und Skrams Flak. An diesem Punkt sitzt man auf seinem Platz – auf der Kante, an der Schot, am Ruder -, friert, mag keinen Kaffee mehr, und ist einfach MÜDE. Ich persönlich beginne an diesem Punkt immer an mein Bett zu denken, an die warmen weichen Decken und an eben die Zuhausegebliebenen, die sich den Start schön von Bülk aus angesehen haben, dann nach Hause gefahren sind, und nach weiterer bequemer Abendunterhaltung, zu normaler Zeit, einfach gemütlich in ihr Bett geschlüpft sind. Und JA, ich beneide sie in diesem Moment! Und nun ist es Zeit zuzugeben: So manche Aerö-Rund Nachtregatta fragte ich mich an diesem Punkt „Warum mache ich das eigentlich?“. Diesen Satz möchte ich hier gerne etwas wirken lassen, denn diese Frage hält auch in mir durchaus so einige Minuten an und markiert den Höhenpunkt des Kampfes gegen mich Selbst, den ich natürlich letzten Endes immer gewinne…

Doch ist Skrams Flak umrundet, das erste Tageslicht zurück und mit ihm die Gegner wieder sichtbar, kommen die Lebensgeister schnell zurück. Der Körper findet seine normale Betriebstemperatur wieder, die letzten Kräfte werden für die letzten Manöver vorm Ziel (Spi noch mal hoch, Schiffte, Segelwechsel, was auch immer) mobilisiert und die Augen angestrengt, um das Ziel zu finden. Plötzlich ist man wieder ganz da, mitten in der Wettfahrt, auf dem Wasser, in der Natur. Ein neuer Tag bricht an und man selbst ist Zeuge. Man ist mitten drin, nicht wie die Daheimgebliebenen in ihren zwar warmen aber langweiligen Betten, die nun diesen wunderbaren Moment verpassen. Das Licht des hereinbrechenden Tages, die Farben des Morgenhimmels, die wirklich spürbare Wärme der Sonne. Das Rauschen der Boote im Wasser, das Knistern der Spis, ein Knarren der Winsch und das Tröten bei Zieldurchgang. Die Faszination der Wettfahrt, die Magie des Morgens auf dem Wasser und das Wunder, dass es tatsächlich wieder Tag geworden ist. In dem Moment bin ich berauscht von dem Zauber von Aerö-Rund, der noch bis nach dem kollektiven Einlaufen in Marstal in aller Herrgottsfrühe anhält, das schon so manchen Wochenendsegler verwirrt aus seiner Koje getrieben hat („Wo kommen denn die ganzen Schiffe plötzlich her? Gestern Abend war’s doch noch alles leer und ruhig hier…“). Dieser Zauber klingt erst langsam im Cockpit in der Morgensonne aus, wo ich mit dem Einlaufbier in der Hand heimlich einen Sieg über mich Selbst feiere, mich freue wieder dabei gewesen zu sein und den Tag beim Beginnen zusehe.

Dann bin ich mir immer sicher: Beim nächsten Mal wollen wir wieder dabei sein und die Frage, warum ich das eigentlich mache, ist vergessen und kommt – wenn überhaupt - erst wieder in einem Jahr auf, in einem kurzen, dunklen und kalten Moment. Doch der Zauber von Aerö-Rund wird uns weiterhin und hoffentlich noch viele andere Segler in seinen Bann ziehen und begeistern.