Jetzt reichts!! – oder: sind alle guten Dinge immer drei?

 

Als bekennender Schärenlieger werde ich bisweilen von Clubkameraden gefragt, ob ich denn überhaupt keinen Hafen in Westschweden anlaufe und stattdessen immer nachts in einer Schäre liege. Im Grundsatz würde ich gerne mit einem klaren „ja“ antworten. Die Häfen sind im Sommer in der Regel menschenleer und somit langweilig. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass es mit dem Übernachten in der Schäre so eine Sache ist.

Bei schönem stabilen Wetter gibt es für mich und meine Mannschaft (Achtung, eine Mehrheit unter der Mannschaft ist wichtig) nichts schöneres als in der Schäre an Land zu gehen. Aber was ist ein stabiles Wetter? Hinterher, am nächsten Morgen, ist es klar, Winddrehung von 180 Grad gehört nicht dazu. Der Wetterbericht berücksichtigt selten die individuellen Ereignisse der Schärenwelt. So ist man also vorsichtig. Für die Nacht wird das Schiff zwei Meter vom Felsen nach achtern weggelegt, der Heckanker wird durchgesetzt. Alles wird mehrfach überprüft: Windrichtung, Windstärke, Wassertiefe etc. Alledings bei oben erwähnter Richtungsänderung des Windes mit gleichzeitiger Zunahme der Windstärke erlebt man nachts leicht eine böse Überaschung. Die zwei Meter reichen dann nur bis morgens um vier Uhr. Der kräftige Wind und die von achtern reinstehende Welle haben den Anker doch leicht bewegt. Hinzu kommt ein Reck in der Ankerleine, und so küsst das Boot morgens um vier Uhr gerade den Felsen.

Auch bei nicht so gravierenden Windänderungen ist es schon passiert, dass die 30 cm Wasssertiefe, die unter dem Kiel am Abend noch bestand, im Laufe der Nacht „verbraucht“ war, und wir wurden durch ein metallisches Geräusch unsanft geweckt (siehe Artikel „Die Schäre lebt.“).

 

Ich fasse zusammen: Vorsicht und Umsicht sind angebracht, bieten aber keine Garantie für eine ruhige Nacht. Was aber  verdammt zieht mich denn immer wieder dahin?? (Antworten bitte an den Autor)

 

Zur Umsicht gehört zweifelsohne das genaue Aussuchen eines Nachtplatzes. So war es auch im Sommer 2000, als wir uns gerade entschieden hatten, in die Schäre Gluppö  zu gehen. Die Karte und der Schärenatlas sagten uns, dass dort sehr viel Platz ist. Da wir mit drei Booten Balesin, Relax und Eule) einen Platz suchten, war das eine geeignete Stelle. Die Eule war vorausgefahren, um die Lage zu erkunden. Es war wie erwartet: viel Platz, eher wie ein großer See. Natürlich wussten das auch viele andere Segler. Bei mir kam die Erinnerung hoch, hier waren schon einmal. Der „alte  Platz“ war leider belegt. Aber da gibt es ja noch andere Stellen.

Meine Devise lautet: „ganz weit durchfahren“. Das taten wir auch. Ganz weit durch gibt es mittendrin eine kleine Untiefe, die mit einem Stock markiert ist. Dort sahen wir an Land einige freie Stellen zwischen anderen Booten. Der Schärenatlas deutete auf eine flache Küste hin. Also gehen wir langsam unter Land. Zur Wassertiefe unter Land werden von weitem  die freundlichen Skipper von Booten befragt, die schon dort liegen. Aber wir bekommen keine  klaren Antworten. Niemand möchte die Verantwortung übernehmen. Stattdessen Alarmmeldung vom Log, auch der Ausguck fuchtelt eindeutig mit den Armen. Der Skipper bleibt ruhig, es geht doch noch. Ja, bis eben zu  diesem Geräusch :“KLING“. Also Maschine zurück, Ankergeschirr aufnehmen, klarieren und an einer anderen Stelle ganz in der Nähe wieder versuchen.

2. Versuch. Anker ins Wasser, langsam vorausfahren, Anker fieren, Log und Grund beobachten. Jetzt klappt es. Nur noch zwei Meter, ein Meter, „KLING!!“. Da war wieder dieses Felsengeräusch. Der Ausguck war schon an Land gesprungen. Nun gut, wir lassen ihn da. So kann er uns vielleicht einen besseren Platz zuweisen. Maschine zurück, Ankergeschirr aufnehmen, aufklaren,... wir kennen das ja schon. Wir nehmen uns eine andere Stelle vor. Lauter Kontakt mit unserem „Landmann“ hilft uns. Die Ankerlieger, meist Schweden , haben unsere Versuche bisher gelassen registriert.

Jetzt wird noch ein kleiner Kringel gefahren. “Pass auf die Untiefe auf!“ Kein Problem, ist ja mit einem Stock bezeichnet. Anstatt eines Steines unter dem Stock besteht die Untiefe aber aus einem  Sand- und Geröllhaufen, was sich sofort bemerkbar machen sollte. Schon knirschte es und wir hatten etwas Schlagseite. „Hab ich Dir doch gesagt!“. Die Mannschaft schaut den Skipper entgeistert an. Jetzt ist keine Zeit für Diskussionen. Alles in die Wanten, Großbaum raus und den Gashebel betätigen. Nach ein bis zwei Minuten rutschen wir uns frei. Das ist ja noch mal gut gegangen!. Das Interesse an uns bei den Schärenliegern ist deutlich angestiegen.

Anlauf zum dritten Versuch. Unser „Landmann“ hat uns eine schöne Stelle gezeigt. Anker ins Wasser, Anker fieren, schön vorsichtig, Log beobachten. Noch vier Meter, drei Meter, „PLONG!“. Das wars. Maschine rückwärts,... Wir kennen das schon.

Draußen Beiboot klarmachen und Landgänger aufnehmen. Endlich sind wir wieder komplett. Der Skipper schaut sich schon nach einer neuen Liegemöglickeit um. Da direkt am Felsen müsste man sogar längsseits gehen können... „Nein, jetzt reichts“. Revolte? Meuterei?  wie auch immer, ich hatte meine Mehrheit verspielt. Und jetzt in einen Hafen?  Auweia! Die Skipperseele begann zu leiden. Aber die Nerven der Mannschaft lagen blank So half es nichts, in Fjällbacka  soll es auch ganz nett sein.

Dann über UKW die Anfrage von der Relax, wo wir denn festgemacht haben. „Wir haben uns anders entschieden, wir gehen heute in einen Hafen“, lautete die Antwort unseres Funkers. Die ganze Geschichte sollte erst  dort erzählt werden. Muss ja nicht über UKW sein, wo alle mithören.

 

Reinhard Buhse